Einführung

von Christhard-Georg Neubert

Christhard-Georg Neubert ist Kunstbeauftragter der Evangelische Kirche in Berlin und Gründungsdirektor der Stiftung St. Matthäus - Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Diese Wanderausstellung vereinigt eine Vielzahl künstlerischer Positionen, die sich auf je eigene Weise dem Leben von Menschen ohne Obdach zuwenden. Die künstlerischen Mittel und Zugänge sind so unterschiedlich wie das Leben der Wohnungslosen. Alle hier gezeigten Arbeiten sind frei von jedweder Mitleidsästhetik. Gleichzeitig aber lassen sie sich lesen als dauerhafte Gegenwehr gegen die Versuchung, wegzuschauen oder sich hart zu machen gegen das Mitleiden. Die Arbeiten der hier versammelten Künstlerinnen und Künstler bilden nicht ab, was jeder von uns sehen könnte, wenn er mit offenen Augen die Bahnhofsquartiere und sozialen Brennpunkte unserer Städte durchquert. Stattdessen gehen sie auf Spurensuche an den Schwellenräumen zwischen bürgerlicher Existenz und öffentlicher gelebter Randlange. Was sind die Strategien, um in den Randlagen zu überleben? Wie sehen die Normen aus, die viele Aus-der-Bahn-Geworfene nicht mehr akzeptieren können oder wollen? Was sind die Räume, die sich Menschen ohne festen Wohnsitz erobern und freikämpfen? Wo sind die Schlafplätze und wohin ziehen sie sich zurück auf der Suche nach dem Minimum an Privatheit? Was bedeutet die nicht hinnehmbare Armut der Obdachlosen für den Rest der Gesellschaft. Die hier zusammengetragenen Kunstwerke schärfen den Blick für die fremde Existenz am Nullpunkt, hinter dem selbst in Deutschland oft genug der Tod lauert. Vor diesen Bildern immunisiert sich die Einbildungskraft gegen alle Bettlerromantik. Diese Bilder präzisieren, worum es geht.
Allen Arbeiten gemeinsam ist eine hingebungsvolle, trotzige Suche nach dem Verstehen menschlichen Daseins an den Bruchkanten des Lebens. Dabei ist eine beständige Reduktion des abgebrauchten, allzu selbstverständlich hingenommenen Sichtbaren bestimmend. Unser Bild von der Welt von innen heraus, vielleicht aus der Askese, einem unbewussten Dunkel heraus gilt es zu erneuern, zu verwandeln. Damit gewinnen Geist und Sinne neuen Zugang zur fragilen Realität menschlicher Existenz. Das scheinbar so gesicherte Dasein der Behausten einer bürgerlichen Welt erweist sich als fragil und ist dem ungesicherten Dasein der Obdachlosen in Wirklichkeit bedrohlich näher als viele meinen. Auf seltsam intensive Weise stoßen diese Bilder an den Grund unserer Vergewisserungen und berühren das Innerste der Seele.«

Christhard-Georg Neubert

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