Wanderausstellung „Kunst trotz(t) Armut“

Der Vorstand der Evangelischen Obdachlosenhilfe in Deutschland e.V. (jetzt EBET) hat 2007 beschlossen, im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit neue Wege zu beschreiten. Kunst ist ein ideales Medium, um auf unkonventionelle Art und Weise gesellschaftliche Missstände und soziale Probleme sichtbar werden zu lassen. Angesichts dieser Erkenntnis entstand die Idee, eine bundesweite Wanderausstellung mit Kunstwerken zum Thema Wohnungslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung durchzuführen.
Zur Realisierung des Projektes wurde ich als Projektleiter und Kurator mit der Planung, Organisation und Durchführung der Wanderausstellung betraut. In der ersten Projektphase kontaktierte ich zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die sich in ihren Arbeiten mit dem Themenfeld Obdachlosigkeit befasst hatten. Neben renommierten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunstszene nahm ich auch Kontakt zu Betroffenen auf, die sich künstlerisch betätigen. Obwohl die zeitgenössische Kunstszene relatives Neuland für mich war, fand ich sehr schnell geeignete Exponate für das geplante Kunstprojekt.
In unserer Ausstellung präsentieren wir zwischenzeitlich über 140 Exponate von 35 Künstlerinnen und Künstlern aus dem In- und Ausland, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise den Themenfeldern Armut, Obdachlosigkeit und soziale Ausgrenzung genähert haben.
Armut und Obdachlosigkeit haben als Thema in Kunst und Kultur eine lange Tradition. Die berühmten »Kölner Bettler« von Sigmar Polke und Plakate von Klaus Staeck aus den 70er Jahren belegen dies auf eindrückliche Weise. Obdachlose als Kunstschaffende erhalten selten öffentliche Aufmerksamkeit. In dieser Ausstellung hängen ihre Kunstwerke gleichberechtigt neben den Arbeiten von namhaften Künstlern. Das schafft Selbstvertrauen bei den Betroffenen und bewirkt gesellschaftliche Anerkennung.

Unter Mitwirkung beteiligter Künstler und Betroffener entstand ein Ausstellungskatalog . Die Texte im Katalog wurden so formuliert, dass sie für ein breites Publikum, vor allem auch für junge Menschen, verständlich sind.
Die offizielle Eröffnung fand am 31. Oktober 2007 in Berlin statt. Die Ausstellung wurde in einem Zeitraum von sechs Jahren in 35 Städten in Deutschland und der Schweiz präsentiert. Stationen waren unter anderem Frankfurt am Main, Hannover, Heidelberg, Köln, Bremen, Nürnberg, Speyer, Leipzig, Passau, Offenburg, Mainz, Wiesbaden, Saarbrücken, Bern, Düsseldorf und Kassel.

Im Juli 2010 wurde die Ausstellung anlässlich des Europäischen Jahres gegen Armut und soziale Ausgrenzung in den Räumlichkeiten der Repräsentanz der Europäischen Kommission präsentiert. Im Anschluss wurde sie im Rahmen der »Kultur Ruhr 2010« in Dorsten und Recklinghausen gezeigt. Im Dezember 2012 wurde sie in der documenta-Halle in Kassel ausgestellt – einem der bedeutendsten Ausstellungsorte für Gegenwartskunst des 20sten und 21sten Jahrhunderts.

Angesichts der Vielzahl von Exponaten wurde die Ausstellung in vielen Städten auf verschiedene Orte verteilt; insgesamt war sie an 59 Orten zu sehen – meistens in Kirchen, aber auch in Kunsthallen (Städtische Galerie Speyer, Baumwollspinnerei Leipzig, Museum Moderner Kunst Passau und der documenta-Halle in Kassel) sowie öffentlichen Gebäuden (z. B. Banken, Rathäuser, Ministerien).
Im Rahmen der einzelnen Ausstellungen fanden unterschiedliche sozialpolitische und kulturelle Begleitveranstaltungen statt. Dies geschah in enger Kooperation mit Kirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und Betroffenenverbänden.
Die Begleitveranstaltungen waren so konzipiert, dass sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen angesprochen wurden. Neben Vorträgen von prominenten Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kirche und Diakonie (z.B. Edelgard Bulmahn, Oskar Negt,. Heribert Prantl) wurde vielerlei Kultur (Konzerte, Theaterstücke, Künstlergespräche) angeboten. Darüber hinaus wurden Veranstaltungen speziell für junge Menschen (Führungen für Schulklassen und Konfirmandengruppen, Schreib- und Malwettbewerbe) angeboten, die sich großer Nachfrage erfreuten.
Betroffene konnten durch bewusst niederschwellig konzipierte Angebote erreicht werden (Adventskaffee in Frankfurt, gemeinsames Mittagessen auf dem Kirchhof und Straßenmusik-Festival nach dem Abschlussgottesdienst in Bremen). In diesem Zusammenhang hat sich vielerorts die Beteiligung Betroffener bei der Durchführung und Organisation bewährt. In Leipzig, Wiesbaden und Bern haben Armutsbetroffene das komplette Catering für die Eröffnungsveranstaltung übernommen. Interessanterweise haben viele Sozialarbeiter im Vorfeld nicht erkannt, wie viel Interesse und Kompetenz wohnungslosen Menschen in Bezug auf Kultur mitbringen – wie sich zeigt, eine fatale Fehleinschätzung. Das Motto der Ausstellung »Kunst trotz(t) Armut« wurde übrigens nicht von einer Werbeagentur kreiert, sondern von den Besuchern des Kulturzentrums GITSCHINER 15, einem sozialen Projekt für obdachlose und von Armut betroffenen Menschen der Ev. Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion in Berlin Kreuzberg. Diese Beispiele machen deutlich, dass unser innovatives Kulturprojekt insbesondere von der Parteilichkeit lebt. Es bezieht Betroffene als gleichberechtigte Akteure ein und gibt ihnen Raum für eigene künstlerische Ausdrucksformen. Somit werden die Fähigkeiten und Stärken des Einzelnen wertgeschätzt, gefördert und zur Entfaltung gebracht. Wir setzen nicht mehr – wie früher in der Sozialpädagogik üblich – an den Schwächen und Defiziten unserer Klientel an, sondern sehen ihre Stärken und Fähigkeiten. So entstehen Entwicklungsspielräume für sozial ausgegrenzte und benachteiligte Menschen, die sie stärken und dafür sorgen, dass sie sich entfalten können und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Lobbyarbeit funktioniert am besten, wenn man die Betroffenen dadurch stark macht, dass man sie selbst zu Wort kommen lässt, ihnen ihre jeweils eigene Sprache lässt und auf Augenhöhe mit ihnen kommuniziert.
All diese konzeptionellen Rahmenbedingungen haben bewirkt, dass unser Ausstellungsprojekt sehr viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anspricht. Die Ausstellung und ihre Begleitveranstaltungen wurden bislang von über 100.000 Menschen besucht. Außerdem ist nach Auskunft der verschiedenen Ausstellungspartner das Medienecho außergewöhnlich gut und weitaus größer als bei anderen Öffentlichkeits-Veranstaltungen von Kirche und Diakonie. Eine Chance, die Themen Armut, Ausgrenzung und Wohnungslosigkeit in das Zentrum der öffentlichen Diskussion zu stellen.

Andreas Pitz, Projektleiter und Kurator




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